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Friedrich Christian Delius -
Römische Notizen, ins 3eck gemailt

12. März 2006
Morgen Flug nach Berlin. Mittwoch Heidelberg. Ende dieser römischen Notizen.
10. März 2006
Warum ich jetzt von Rom wegfahre, wo doch endlich, viel zu spät, der Frühling kommt oder kommen soll, werde ich in diesen Tagen immer wieder gefragt. Wenn ich dann von der Aktion Buch im Dreieck, vom "Delius-Festival" erzähle, wollen das die Freunde oder Bekannten zuerst nicht recht glauben: 560 Veranstaltungen in einer Region um ein Buch? U. hilft mir, von einigen der Initiativen zu berichten. Und ich bemerke vor allem bei den Italienern, wie sie uns Deutsche um unsern Kultur-Enthusiasmus, um die Einfälle und Aktivitäten beneiden. Um den Reichtum an Phantasie, Bildung und Kreativität. Das vergisst man in Deutschland bei aller Klagerei gerne: dass wir auf diesem Gebiet immer noch als vorbildlich gelten - und, allen Politikern und Sponsoren sei es in die Stamm- und Haushaltsbücher geschrieben, bleiben sollten, siehe Pisa. Gäbe es eine Kultur-Weltmeisterschaft (was freilich ich sich paradox wäre), kämen wir, im Gegensatz zum Fußball, wahrscheinlich unter die ersten vier Nationen, neben den Niederländern und den Skandinaviern.
9. März 2006
Bei der Titelfindung des neuen Buches haben wir oft gedacht: Leider ist das Wort Spaziergang in meinen Titeln schon vergeben. Allerdings an den richtigen, an Gompitz, dazu in ironischer Assoziation mit Seume. In der neuen Erzählung ist es ein wirklicher Spaziergang von einer knappen Stunde, auf 120 Seiten. Und es wäre sicher etwas einfallslos gewesen, einen Spaziergang durch Rom einfach einen Spaziergang zu nennen. Also jetzt: "Bildnis der Mutter als junge Frau".
5. März 2006
Schneechaos in der Region. Falls das ein kleiner Trost ist: Johann Gottfried Seume lief im Januar (!) durch die Alpen.
4. März 2006
Einen guten Start allerseits!
3. März 2006
Markus Wolf in Walldorf! Ich fass es nicht. Bei der ausführlichen Lektüre aller elf Programmhefte hatte ich diesen Termin übersehen oder den Text nicht bis zum Ende gelesen, jetzt stoße ich zufällig darauf: "11. 3. Walldorf: Land im Dämmerschein - Konzert, Lesung, Gespräch, Vergessene Weisen vergessener Komponisten eines untergegangenen Landes ... Der Zeitzeuge Markus Wolf, ehem. Chef der Auslandsaufklärung des MfS der DDR, wirkt als Rezitator mit." Das klingt nach reichlich DDR-Nostalgie, geschenkt. Es wurde z.T. exzellente Musik geschrieben in der DDR. Aber warum lädt man nicht einen dieser wunderbaren Komponisten ein? Oder einen Schauspieler, wenn man einen Rezitator braucht? Oder ist das eine PDS-Veranstaltung? Schon der Auftritt der ehemaligen "Distel"-Chefin und Stasi-Zuarbeiterin Gisela Oechselshäuser im Rahmen von 1buchimdreieck stinkt in meiner Nase. Aber Markus Wolf beim Europäischen Jugendmusiktheater, das ist ein Hohn! Was hat einer der ranghöchsten Männer der schlimmsten kriminellen Vereinigung in Deutschland seit 1945 bei einer Musikveranstaltung zu suchen? Ein Mann der Staatssicherheit, die werweißviele Menschen getötet und gefoltert, zehntausende ins Zuchthaus gebracht und Millionen eingeschüchert hat? Der Mann, der den Sturz von Willy Brandt bewirkte? Der dazu beigetragen hat, dass Klaus Müller und Paul Gompitz und Millionen andere, wie es im Buch steht, unter dem Reiseverbot gelitten haben? Walldorferinnen und Walldorfer, geht hin und pfeift ihn aus, oder noch besser: lacht ihn aus!
2. März 2006
Gestern abend Italien-Deutschland 4:1. Die Deutschen spielen so, als wollten sie jetzt schon meinem RNZ-Interviewsatz Recht geben: "Es wäre ja schon ein Wunder, wenn die deutsche Mannschaft unter die letzten vier käme." Disastro tedesco, sagt der Fernsehsprecher immer wieder. Am gleichen Tag wurden die neuen ökonomischen Daten der EU bekannt: Der Unternehmer Berlusconi hat Italien auf die letzten oder vorletzten Plätze heruntergewirtschaftet. Wer spricht vom disastro italiano?
28. Februar 2006
Autorin N., der ich von der Aktion und meinen Veranstaltungen bei Buch im Dreieck erzähle, sagt: „Sie Armer!“. Ich: „Wieso? Ist doch schön, wenn ein Buch mal so gefeiert wird.“ Gerade bei junge Autoren bemerke ich des öfteren ein eher distanziertes Verhältnis zum Lesepublikum. Viele lesen nicht gern vor, und oft auch schlecht. Beim Schreiben keine Kompromisse, aber für größeres Interesse darf man doch dankbar sein.
25. Februar 2006
Interview müsste heute in der RNZ stehen. Kann es online nicht finden und bin ein wenig enttäuscht. Warum nur? Wie ist man verwöhnt, alles immer sofortissmo auf dem Bildschirm zu erwarten wie die Bundesliga-Ergebnisse samstags zwischen 17.15 und 17.20 Uhr! Und dann den eigenen Text, den ich sowieso schon kenne?
24. Februar 2006
Zufall, kurz nach dem Filmbrief von T.: Bei einer Veranstaltung zum Thema Europa auf dem Kapitol den Autor und Kritiker Mario Fortunato getroffen, der seinerzeit eine sehr positive Besprechung der italienischen Ausgabe („La passeggiata da Rostock a Siracusa“) geschrieben hat. Er sagt sofort, was er mir vor einem Jahr schon gesagt hat, er habe das Buch einer ganzen Reihe von italienischen Filmleuten angeboten, er habe da viele Kontakte, aber die seien alle blind und blöd („stupidi“). Ich sage, die deutschen Produzenten seien noch dümmer („piu stupidi“).
23. Februar 2006
Brief aus Viernheim: „Übrigens fragt ‚Volk‘ angesichts der vielen Plakate hier, wer wohl den F.C. Delius trainiert.“ Meine Antwort wäre: Wolfgang Koeppen. Und bei diesem Buch Johann Gottfried Seume und Volker Finke als Konditionstrainer.
22. Februar 2006
Ab und zu werde ich gefragt, warum es keinen Film nach dem „Spaziergang ...“ gibt. Eine lange Geschichte. In den vergangenen zehn Jahren waren etliche Produzenten sehr interessiert, erst begeistert über die tolle und filmreife Story, es gab Optionen, sogar Exposés für Drehbücher. Und dann: kein Geld, deutsche Themen sind nicht mehr „in“, alles zu schwierig - die üblichen Ausreden. Seit über zehn Jahren preist T. von Rowohlts Agentur für Medienrechte den Stoff an. Kürzlich berichtete er mir von seinem jüngsten Versuch: „Es war klar, dass nicht S.‘ kleine Firma das Projekt alleine stemmen kann, also war ich sehr froh, als plötzlich ein Mann von V., dem größten Medienfond, auf der Bildfläche erschien und ein paar Millionen in Aussicht stellte. Ich habe mich dann mit dem Mann in Köln getroffen. Der machte eine seriösen Eindruck, er hatte Ihr Buch gelesen und sprach kompetent darüber. Ich ging animiert spät abends zurück zu meinem Hotel, hinterm Kölner Hauptbahnhof wurde mir hinterrücks meine Tasche entrissen, ich lief schreiend hinterher, aber natürlich alles weg, Geld, Kreditkarten etc. Die Nacht verbrachte ich auf der Kölner Polizei, um alles sperren zu lassen, Anzeige zu erstatten usw. Eine Woche später wusste ich, dass dies nicht die einzige Begegnung mit Kriminellen an diesem Tag war: Der V-Fond flog auf, das wenigste Geld hatte man in Fimprojekte gesteckt, das meiste (ist auch sicherer so) auf die Bank getragen. Mein Mann sitzt seitdem im Knast - Flucht- und Verdunkelungsgefahr.“ Das wäre schon fast ein neues Filmprojekt: Die Abenteuer beim Verkaufen eines tollen Filmstoffs.
21. Februar 2006
Vogelgrippe auf Rügen. Vogelgrippe in Sizilien. Wie sich die Bilder gleichen (die Pest schafft Gleichheit). Was das mit dem "Spaziergang ..." zu tun hat? Sehr viel: die neuen Bilder von den Orten der Handlung überlagern die alten. Gompitz' Rügen und Hiddensee rücken wieder ein Stückchen weiter in die Vergangenheit. Gompitz' Syrakus ebenso.
18. Februar 2006
Interview-Fragen der Rhein-Neckar-Zeitung beantwortet, den ganzen langen Samstagnachmittag. Wird man mir glauben, dass mich die Verteidigung des Titels "Export-Weltmeister" mehr freut als der (sowieso völlig unwahrscheinliche) Gewinn des Titels Fußball-Weltmeister?
16. Februar 2006
In der Deutschen Schule Rom 40 Minuten aus "Mein Jahr als Mörder" und 20 Minuten aus "Die Minute mit Paul McCartney" gelesen - ein größerer Kontrast ist nicht denkbar, doch er funktioniert. Werde auch im Dreieck aus der "Minute mit Paul McCartney" lesen. Paul Gompitz und Paul McCartney, das passt nicht schlecht.
15. Februar 2006
Auf dem Weg zum Arzt die Via Rubicone überquert. Frage mich, ob im "Spaziergang ..." zwei Zeilen stehen, wie Gompitz den Rubikon im Zug überquerend an Cäser denkt. Weiß es nicht mehr, nach 12 Jahren hat man nicht mehr jeden Satz im Kopf. Erinnere aber die Stelle bei Seume, wie er sich über dies Rinnsal amüsiert.
14. Februar 2006
Anfrage über den Verlag, 35 Bücher zu signieren für eine meiner Lesungen, schon jetzt. Nach Berlin schicken?, werde ich gefragt. Das ist schon lästig genug mit der Packerei und dem Gang zur Post. Aber Rom? Auf keinen Fall. Schon weil ich nicht eine halbe Stunde mit einem schweren Paket in der Schlange auf der Post stehen will, wo sich auf allerengstem Raum oft 30, 40 Menschen quetschen. Geduld, Leute!
13. Februar 2006
"ihr buch ist richtig scheiße" - auch das ist Geburtstagspost. Über die Kontaktadresse der Webseite kommt immer öfter mal was Anonymes. Wahrscheinlich von geplagten Schülern. Dieser verrät mir noch nicht mal, welches Buch er meint. Aber noch größer als der Frust scheint die Feigheit zu sein, sich zur eigenen Meinung zu bekennen.
Zu "Rigoletto". Beim Spazierengehen in der hellen Februarsonne fällt mir ein, wie höhnisch der FAZ-Rezensent damals sich über die Tränen des Kellners in Mantua echauffiert und mir Kitsch oder Ähnliches vorgeworfen hat. Und damit das Buch halbverrissen hat. Nicht verstehend, was so eine Reise für einen DDR-Menschen vor 1989 bedeutet hat, wie es den Leuten in der Seele wehtat, in ihren Grenzen eingesperrt zu bleiben, und warum ein in allem so rationaler, beherrschter Mann wie Gompitz einmal seine Emotionen nicht mehr kontrollieren konnte. Welche Ahnungslosigkeit von menschlicher Psyche, Ahnungslosigkeit von den Realitäten der DDR - und Ahnungslosigkeit von literarischer Dramaturgie (weil diese Stelle sehr bewusst so ausgeschrieben ist wie sie ist). Der Rezensent ein renommierter Germanistikprofessor. Aus Berlin sogar. Der offenbar mit Tränen in der Literatur nicht professionell umgehen kann.
12. Februar 2006
"Rigoletto" zum Frühstück aufgelegt. Erzähle U., dass ich beim Schreiben des "Spaziergangs" oft "Rigoletto" gehört habe, nicht nur die Ouvertüre wegen der berühmten Szene in Mantua. Bis zum Jahr 1994 hatte ich kaum was mit Opern zu schaffen. Vielleicht, sage ich, habe ich Klaus Müller und seiner Geschichte die Entdeckung der Oper zu verdanken. Nachdem ich "Rigoletto" halb auswendig konnte, wurde ich süchtig nach den andern Verdi-Opern, alle paar Wochen eine neue. In dieser Zeit, um 1995, fing ich an, abends oft ganz spontan in eine der Berliner Opern zu gehen. Meistens in die Deutsche Oper, zwei U-Bahn-Stationen, und man bekam fast immer noch Karten auf den billigen Plätzen und dann noch zum halben Preis. Und nach Verdi die anderen Meister. Oper statt Kino. Dank der Tränen des Rostocker Kellners in Mantua.
Und rund zehn Jahre danach für Luca Lombardis "Prospero" das Libretto geschrieben.
11. Februar 2006
Wollte diese Notizen zuerst "Römische Postkarten" betiteln. Aber ich will auf keinen Fall in Konkurrenz treten mit dem verehrten Hans Bender (aus Mühlhausen im Kraichgau) und dessen wunderbaren "römischen Postkarten". Notizen, mehr nicht.
9. Februar 2006
Verleger S. ruft an. Habe ihm das Bündel der Programmhefte schicken lassen. Eine gute Gelegenheit, hatte ich gedacht, im besten Sinn Eindruck zu schinden. Und er ist beeindruckt.
8. Februar 2006
Tante E. aus Bad Dürkheim ruft an. Ob es richtig sei, dass ich auch in Bad Dürkheim lese. Dann käme sie da auch hin, nicht nur nach Grünstadt. Ich muss auf den Plan schauen: Nein, nicht dass ich wüsste. Im übrigen sei ich so berühmt, sagt sie, überall Plakate. Berühmt, sag ich, will ich gar nicht sein, ist mir wirklich egal, nur: viel gelesen werden.
6. Februar 2006
Die römische Post bringt die zwei Bündel der 11 Programmhefte. Beim Durchblättern und beim Tag-für-Tag-Durchlesen immer wieder das Staunen, was den Leuten alles eingefallen ist. Natürlich auch Stolz, dass so ein Büchlein so viele Anregungen stiften kann. Stärker der Gedanke, den ich oft vertreten habe und nun fast bewiesen sehe: die Literatur oder ein großer Teil der Literatur hat den (interessierten) Leuten viel mehr zu sagen, wenn sie ihnen nur nahegebracht wird, als man im sog. Literaturbetrieb im allgemeinen ahnt. Buchimdreieck liefert eine schöne Probe aufs Exempel.