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Trotz Mauer: freie Fahrt in die "verbotene
Ferne"
1 BUCH IM DREIECK: Matinee im Frauenbüro mit Marlies
Wank
Bensheim. Zwischen Rostock und Syrakus liegen Welten. Es
sind nicht nur die vielen Kilometer, die die Hansestadt und drittgrößte
Hafenstadt an der deutschen Ostseeküste von der einst mächtigsten
Griechenstadt Siziliens, dem "New York der Antike" trennen. In
ihren besten Tagen war die Stadt Syrakus nicht nur die größte in Sizilien,
sondern auch das Zentrum der gesamten griechischen Welt. Selbst Goethe
pries die mediterrane Insellandschaft "als Königin der Inseln".
Auch Bensheim begibt sich auf einen Spaziergang von
Rostock nach Syrakus. Allerdings durch die Brille einer Romanfigur, die in
den 80er Jahren kurz vor der
Öffnung die Mauer zwischen dem Osten und Westen überwindet. Im Rahmen einer
Matinee im Frauenbüro ging es um die Erzählung von F.C. Delius "Ein
Spaziergang von Rostock nach Syrakus". Marlies Wank las den Besuchern
aus dem Buch vor, das im Mittelpunkt der Aktion "1 Buch im
Dreieck" steht. Doch obwohl vor allem Eltern eingeladen waren und
Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zur Verfügung standen, kamen nur sehr
wenige Gäste in die Rodensteinstraße 8.
In der Auswahl der Textpassagen konzentrierte sich Marlies
Wank auf den ersten Teil des Buches. Darin werden das Fernweh der
Hauptfigur Paul Gompitz und seine Vorbereitungen
bis zum Tag der Abreise beschrieben. Ihren besonderen Reiz erhält die
Darstellung dadurch, dass der Bürger der ehemaligen DDR Mauern überwinden
muss, um reisen zu können. Für die freie Fahrt in die "verbotene
Ferne" setzt er alle Hebel in Bewegung. Sein Motto: "Ohne Italien
geht es nicht in die Kiste". Der Leser ist dem Kellner Gompitz immer auf den Fersen und erlebt den
Leidensdruck eines Mannes, dem es in materieller Hinsicht an nichts fehlt.
Ein weiteres Thema sind die Auswirkungen der DDR-Politik
auf das Leben der Bürger. Macht und Machenschaften der Stasi werden ebenso
skizziert wie die Starrheit des politischen Apparats. Gompitz
entwickelt Strategien gegen die Herrschenden, deren Regime seiner Ansicht
nach auf Angst aufbaut. Diese Schwachstelle will er nutzen. Mit viel
Raffinesse schafft er es, sein Westgeld zu behalten und in den Westen zu
reisen.
Der Leser erfährt auch, dass zwei Herzen in der Brust
des Protagonisten schlagen. Zum einen versteht er es aufgrund seiner
geselligen Art zu unterhalten. Zum anderen ist er zutiefst verschlossen,
wenn es um sein Fernweh geht. Nicht einmal seine Frau Helga weiht er in
seine Pläne ein - wie er sagt, um sie zu schützen.
Die Textstellen, die Marlies Wank vortrug, zeichneten Gompitz als einen zielstrebigen und listigen Menschen,
der seinen Weg geht, "seinen ganz persönlichen Fünfjahresplan".
Trotz oder gerade wegen der sehr wenigen Zuhörer entwickelte sich eine rege
Diskussion über die Hauptfigur des Buchs. So haben die Organisatorinnen um
Gudrun Ehret, Leiterin der Stadtbibliothek, zumindest ein Ziel der größten
bundesdeutschen Leseaktion erreicht: über ein Buch zu sprechen und sich
darüber auszutauschen.
moni
Bergsträßer
Anzeiger - 07. 03. 2006
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